Donnerstag, 18. Juni 2026
Wenige gestohlene Stunden. Heimlich, verborgen zwischen den Ritzen zweier Leben.

Kurze Momente einer gefühlten Normalität. Physisch näher, als Menschen einander sein können – und doch spüre ich ihre Ferne. Sehe ihren Blick für einen Herzschlag ins Leere gleiten, beobachte die lautlosen Fluchten ihrer Gedanken zurück an den Ort, der ihr eigentliches Leben ist.

Die emotionalen Stürme haben sich gelegt. Die einst mit leuchtenden Farben entworfene Zukunft wird nicht mehr erwähnt. Zu oft betrachtet, ist sie verblasst wie eine Landkarte eines unerreichbaren Landes.

Also verweilen wir im Jetzt. Halten uns an ihm fest, als könnte man Zeit zwischen den Fingern bewahren. Über uns das Damoklesschwert, reglos und doch allgegenwärtig. Die Gewissheit, dass ein einziger Morgen genügen könnte, um alles zu beenden.

Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, unermüdlich gegeneinander. Will ich? Will ich nicht? Will ich sie – aber nicht das Leben, das untrennbar mit ihr verbunden ist? Jenes Leben, das sie niemals verlassen wird. Vielleicht nicht verlassen kann.

Keine Zukunft. Nur Gegenwart.

Ein flüchtiges Treffen. Ein Schatten im Treppenhaus. Ein Kuss, kurz genug, um geleugnet werden zu können, lang genug, um nachzuhallen.

So existieren wir zwischen den Welten. Außerhalb der Wirklichkeit und doch nicht ganz im Traum. Eine Verbindung, genährt von Nachrichten, Stimmen und Bildern. Ein fragiles Feuer in der digitalen Matrix.

Ich bin der Treibstoff für ein Leben, das sie niemals aufgeben wird. Ein Leben, das ich selbst nicht weiterführen kann.

Und irgendwo zwischen Nähe und Verlust, zwischen Hoffnung und Gewissheit, leben wir von geliehener Zeit.




Dienstag, 16. Juni 2026
Ich ziehe weiter.
Und lasse die Tür offen.
Einen kleinen Spalt.
Falls du zurückkommst.
Eines Tages.
Um nachzusehen,
was die Zeit bewahrt hat.

Von uns.


***


Wenn du eines Tages
Vor diesem Spalt stehst
Dann tritt ein.
Ohne Furcht.
Ohne Scheu.
Und lass uns lauschen
Ob noch ein Herzschlag inne ist,
Der uns einst verband
Und still die Zeit überdauerte.
Und wenn wir ihn finden
Dann wird das Meer aus Erinnerungen
Kein Abschied gewesen sein,
Sondern der Weg zurück.

Zu uns.






Donnerstag, 7. November 2024
Als ich ihre Wohnung betrete, bin ich überrascht. Es ist laut, überall grelles Licht, buntes Chaos. Sie ist aufgedreht, läuft aufgeregt umher. Sie hat sich ausstaffiert, ausgehfertig und auch wenn sie es nicht ausspricht, erahne ich eine Veränderung in ihrem Leben. Ihre Kleidung ist ungewohnt. Ungewohnt bunt, ungewohnt aufreizend. Ihr Haar ist frisch frisiert, ihr Gesicht geschminkt. Ich hole unseren gemeinsamen Sohn ab. Auch er spürt eine vage Veränderung, erahnt vielleicht sogar, dass er seine Mama demnächst teilen muss. Wir verlassen wortlos die Wohnung.
Ortswechsel. Wir sind in die Innenstadt gefahren. Inmitten des Wirrwarrs aus Asphalt bleiben wir auf einer Fußgängerinsel stehen. Eine Insel inmitten eines grauen Meeres. Um uns herum rauscht der Verkehr vorbei. Wir warten vor den roten Fußgängerampeln, als ich plötzlich bemerke, dass sich der Schnürsenkel einer meiner Halbstiefel gelockert hat. Ich beuge mich hinunter, verknote die Enden des Schnürsenkels und höre gleichzeitig meinen Sohn. Ich solle mich beeilen. Wahrscheinlich ist die Fußgängerampel zwischenzeitlich grün geworden. Als ich mich wieder aufrichte, ist mein Sohn verschwunden. Ich sehe ihn nirgends, vermute aber, dass er über die grüne Fußgängerampel auf die andere Straßenseite gelaufen ist. Doch ich sehe ihn nirgends. Ich blicke mich um, drehe mich auf der Fußgängerinsel in alle Richtungen. Doch ich erblicke meinen Sohn nirgends. Der Straßenverkehr braust in allen Richtungen an mir vorbei. Ich beginne nach meinem Sohn zu rufen. Mein Hals schmerzt. Seit Jahren tut er dies. Sprechen strengt mich an, lautes Rufen und Schreien noch mehr. Ich rufe krächzend nach meinem Sohn, bemerke, dass ich kaum einen Ton herausbringe. Nichts. Ich spüre Panik in mir aufkommen. Ich rufe, blicke in alle Richtungen. Nichts. Mein Sohn ist spurlos verschwunden. Vielleicht in ein Auto gezerrt worden, entführt. Tränen der Panik laufen über mein Gesicht. Die Polizei, ich muss die Polizei informieren.

Dann wache ich auf.